Was auf die Ohren und was vor den Latz

Neulich im Fitnessstudio hat mir einer eine geknallt. Schlägerei? Wo denken Sie hin?! Ich bin von Natur aus friedliebend und prügle mich ausschließlich mit Betrunkenen und nur auf deren ausdrücklichen Wunsch. Nein, es war einfach ein klassisches „zur falschen Zeit am falschen Ort“. Ich ging schräg vor ihm vorbei, er machte währenddessen Lockerungsübungen mit seinen Armen, … und, zack, hatte ich einen davon locker und mit Schmackes direkt vor meiner Brust. Keine Angst, nichts passiert, und er hat mich halt nicht sehen können, wegen der Kopfhörer im Ohr.

Kopfhörer im Ohr sind super, wenn man es sich mit sich selbst schön machen will, wenn man sich abschotten möchte von der Welt um einen herum. Kopfhörer sind quasi akustische Scheuklappen. Und wer auditiv alles um sich rum außen vor lässt, dem schlägt das bisweilen halt auch auf die Optik, will sagen: wer extra tief in sich selbst versunken ist, sieht halt nicht mehr so gut raus, ist ja logisch. Nicht genug damit, dass man schon allerorten auf diejenigen trifft (manchmal wahrsten Sinne des Wortes), die wegen des aufs Display gesenkten Blicks ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen (Da können die schlimmsten Unfälle passieren! Naja, vielleicht steht dann wenigstens passend „I will survive“ auf der Playlist.), nein, auch diejenigen, die „nur“ akustisch ihr eigenes Ding durchziehen, sind der Welt doch bisweilen gleichsam mit allen Sinnen entrückt.

Fun fact zum Thema: Wenn sie ihre Umwelt so ganz und gar vergessen, bemerken die Kopfhörerhörer bisweilen noch nicht mal mehr sich selbst. Zum Beispiel, wenn sie, enthusiastisch vor lauter Earphone-Euphorie, anheben, die Lala, die sie hören, mehr oder weniger lauthals mitzuträllern. Das ist nicht immer schön. Oder wenn sie gar nicht mitkriegen, wie laut sie während ihres Workouts ächzen und lechzen, gerade so, als würden sie mit sich selbst statt mit Hanteln hantieren, wenn Sie wissen, was ich meine. Das ist nie schön. Und als Außenstehender kommt man dann mit der Zeit vollends durcheinander: Unlängst brabbelte einer beim Sport auf einem benachbarten Trainingsgerät unverständliches Zeug vor sich hin. Ich betrachtete ihn aus den Augenwinkeln und suchte seine Kopfhörer, musste aber schließlich erkennen: Der trug gar keine. Der hatte einfach bloß einen an der Klatsche.

Gleiches Thema, andere Spielart, ebenfalls kürzlich im Fitnessstudio erlebt: Eine ältere Dame nimmt sich ein Trainingsgerät, und möchte sich hernach höflichkeitshalber noch vergewissern, dass es auch gewiss nicht in Gebrauch ist von dem kopfhörerbewehrten jungen Mann, der sich ebenfalls in der Nähe aufhält. Also fragt sie ihn, wie in den alten Zeiten, in denen man noch dem Umstand Rechnung zu tragen bereit war, dass man nicht alleine auf der Welt ist: „Entschuldigung, sie wollten aber nicht gerade hiermit trainieren?“ Wir werden es nie erfahren – die Frage prallte ab an des jungen Sportsfreunds akustischem Schutzschild. Schade eigentlich, denn schließlich war besagte Frage ja eigens in seinem eigenen Interesse. Naja, ist ja wurscht. Ihm zumindest. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Und was ich nicht hör, noch viel wenigör.

Ein letzter beispielhafter Fall von akustischer Entrücktheit, wieder ausm Fitnessstudio: Eine junge, ebenfalls bekopfhörerte, Dame trägt Lauschmuscheln von etwa der Form und Format, wie sie auch die armen unterbezahlten Studenten in Disneyland auf dem Kopf haben, als Teil ihrer Minnie Maus Montur. Ich möchte mich erkundigen, ob die Hantelscheibe neben ihr denn verfügbar ist, oder ob sie sie noch benötigt, blicke sie an, zeige auf das Corpus Delicti und will gerade anheben, meine Frage zu stellen, da sagt das Mädel bereits zu mir: „Ja“. Sie gibt mir also aus ihrem Audio-Kokon heraus die Antwort noch vor der Frage – das ist quasi das krassest mögliche Gegenteil zu dem obigen Buben, der es noch nicht mal mitkriegt, wenn er gefragt wird.

Freilich war sie im wahrsten Wortsinn vorlaut. Ihre Antwort „Ja.“ hätte schließlich auf die Frage „Brauchen Sie die?“ komplett gegenteilige Bedeutung gehabt im Vergleich zu der ebenfalls in Frage kommenden Frage „Kann ich die haben?“. Stellen wir uns mal vor, ich hätte die junge Fitness-Lady gefragt „Sie glauben also allen Ernstes, dass die Erde eine Scheibe ist?“ Sie so: „Ja.“ Und ich so: „Ja, wohl so flach wie eine Hantelscheibe, und, à propos, kann ich die jetzt haben?“ Nächstes Mal frag ich „Finden Sie es OK, dass Ihr Freund Sie seit Monaten reihum mit Ihren besten Freundinnen betrügt?“ Darauf sie so: „Ja.“ Und ich so (in Gedanken): „Alle Achtung, weiß wahrscheinlich noch nicht mal, wie man ‚Polyamorie‘ buchstabiert, ist aber schon ganz vorn mit dabei.“ Oder ich stelle ihr die ehrlichste aller Fragen: „Finden Sie es auch bescheuert, dass Sie nix von dem mitbekommen, was um Sie herum passiert, einschließlich der Fragen, die man an Sie stellt?“ Wenn sie darauf mit „Ja.“ antwortet, haben wir einen Konsens.

Genug gelästert! In einer der seltenen schwachen Stunden, in denen es mir mal nicht egal ist, was in den Köpfen (und Kopfhörern) meiner Mitmenschen vor sich geht, besinne ich mich darauf, dass ich den Kopfhörerhörern nicht Unrecht tun mag, und dass es keineswegs so sein muss, dass sie stets nur das hören, was sich mutmaßlich auch zwischen ihren Ohren abspielt: „Umpf! Umpf! Umpfumpf! Um! Pf!“ Nein, womöglich hört da gerade jemand die, leider äußerst raren, Audio-Artikel der wikipedia. Oder die Bergpredigt, gelesen von Klaus Kinski, Lieblingsstelle: „Selig sind die geistig Armen, denn sie verf*** drecks*** sch***, […] nicht mal in Ruhe eine rauchen, ich könnt k***, solche A***!!!“

Ganz gleich, was gehört wird – die Eigenbrötlerei mit Knopf im Kopf greift immer weiter um sich, und das längst nicht nur beim Sport. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob via Kabel (merke: schwarzes Kabel = normal, weißes Kabel = cool, rotes Kabel = mega-cool) oder kabellos, wie z.B. mit den weißen Stumpen, die einer zunehmenden Anzahl von iPhone-Jüngern mittlerweile wie in Plastik erstarrte Ohrenschmalzwasserfälle aus den Lauschern ragen. Wer sich heutzutage von der Welt absondern will, der geht nicht mehr in den Wald oder ins Kloster, sondern macht das direkt inmitten der Welt, indem er sich mit ein paar Hörkapseln abkapselt. Inmitten der Welt, doch ohne Verbindung zu ihr – ein Gefühl, das ansonsten Autisten, Wachkoma-Patienten (wobei, da weiß man’s nicht so genau) und Donald Trump (da weiß man’s genau) vorbehalten bleibt.

Mir wäre danach, den beschallungsbedingten Blindgängern mal zuzurufen, dass sie doch bitte ihre Stöpsel aus den Ohren nehmen mögen, oder zumindest nicht vergessen, dass es auch jenseits ihrer Hörer noch etwas zu hören und zu sehen gibt, während sie sich im öffentlichen Raum aufhalten. Allein, der Ruf wird ungehört verhallen, siehe oben. Und damit nicht genug – wenn’s dumm läuft, krieg ich sogar noch eine geknallt.

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