Alles oder Nichts

Kaum ist ein bisschen Gras über den Wettstreit um die beste Erklärung für Deutschlands frühes Ausscheiden bei der Fußball-WM gewachsen, da entblödet sich Oli Bierhoff nicht, die unsägliche Özil-Debatte wieder anzuheizen. Aus aktuellem Anlass hier ein älterer Text über das allzeit aktuelle Faszinosum, dass immer „wir“ es sind, die gewinnen, aber immer „die“, die verlieren …

An der Tankstelle meines Vertrauens sind neben dem Eingang stets die aktuellen Tageszeitungen ausgelegt, und diejenige, die sich gemeinhin eher der BILDberichterstattung denn der Wahrheit verpflichtet fühlt, liegt am nächsten an der Mülltonne. Das kann Zufall sein oder Absicht, aber darum soll es hier gar nicht gehen. Davon abgesehen, gehört das Blatt im Sinne regelgerechter Mülltrennung ohnehin korrekterweise zum Altpapier, dessen Inhalt bisweilen aber auch gern zum Sondermüll. Wie auch immer, es geht um die heutige Schlagzeile …

Zur zeitlichen Einordnung, wenn Sie diese Geschichte erst lange nach meinem Tod in der kunstledereingebundenen Gesamtausgabe (mit bislang unveröffentlichtem Material und den größten Hits auf 2 CDs) entdecken und sich fragen, auf welche Ereignisse ich hier Bezug nehme: Heute ist der 03.07.2017, und gestern hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft den Confed Cup gewonnen. Besser: Deutschland hat gewonnen. Noch besser: WIR haben gewonnen.

Gestern Abend haben wir’s in Sankt Petersburg den Chilenen gezeigt, und das war nur die Spitze des fußballerischen Eisbergs. Tags zuvor gewann nämlich die deutsche U21-Fußball-Nationalmannschaft, sprich: gewann Deutschland, sprich besser: gewannen WIR die Europameisterschaft in dieser Altersgruppe – in Krakau haben wir die Spanier bezwungen. Und weil’s so schön war, erinnern wir uns bitte alle nochmal an den 13.07.2014, als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, will sagen: Deutschland, vulgo: WIR, in Rio de Janeiro die Argentinier gedemütigt und mit leeren Händen auf die Rückreise in ihr benachbartes Heimatland geschickt haben. Selbst ein absoluter Sport-Dilettant wie ich kann an dieser imposanten Aufzählung unschwer erkennen: Deutscher Fußball – läuft!

Nun ist der Confed Cup an sich kein allzu renommiertes Turnier, was man so hört, und so hat der Bundestrainer (der deutsche, also UNSER (!) Bundestrainer) dafür noch nicht mal die erste Garde seiner (UNSERER (!)) Jungs rekrutiert. Aber zum Vorglühen für die WM im kommenden Jahr ist das wohl allemal eine adäquate Veranstaltung, und die FIFA lässt ja bekanntermaßen keine Gelegenheit zum Geldmachen aus. Mir schwant, noch zu meinen Lebzeiten wird die erste Ganzjahres-WM ausgetragen werden, zu gleichen Teilen in den stolzen Fußballnationen Grönland und Venezuela, mit 150 Mannschaften und spielfreien Tagen nur an Ostern und Ramadan. Sämtliche Partien werden dann aufgezeichnet und zeitverzögert in Zeitlupe ausgestrahlt, weil selbst der Ball himself ringsum mit Werbebannern bedruckt sein wird, die bei normaler Geschwindigkeit ja kein Mensch lesen kann! Und an Stelle der Tore zielt man dann auf gigantische aufgeklappte Schlabberbrötchen – Gruß vom Hauptsponsor, ich liebe es! Spieler wie Zuschauer konnten sich heuer beim Confed Cup schon mal daran gewöhnen, was es heißt, wenn in Russland Sport hintertrieben, pardon: getrieben wird. Das bedeutet, dass es das Turnier als solches, mitsamt der wahnwitzig teuren Stadien und der gigantischen PR-, Sponsoring- und Merchandising-Maschinerie nie gegeben hätte, wenn sich nicht vor ein paar Jahren einige tumbe Fettsäcke und Sesselpupser auf einem Hügel hoch über dem Zürichsee gegenseitig derart fette Geschenke in die Taschen geschoben hätten, dass selbst Kim Jong Un, Nordkoreas höchste moralische Instanz, vor Scham errötet wäre. Russland und die FIFA, da schmiert zusammen, was zusammen gehört. Der gemeine Russe, so wird gemunkelt, hat die korruptionsgestützte Projektabwicklung schon beim Sandburgenbau gelernt, und Gianni Infantino, so wurde beim Anblick der Fernsehbilder dieser Tage klar, ist ja auch bloß ein Sepp Blatter mit weniger Haaren. Sei’s drum – Brot und Spiele, das funktioniert seit Jahrtausenden, bloß dass es heut halt keine schnöden Lorbeerkränze mehr gibt, sondern sechsstellige Siegprämien und ein Selfie mit der Kanzlerin in der Kabine nach dem Spiel.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, besser: Deutschland, noch besser: WIR gewinnen also einen Fußball-Titel nach dem anderen, und, zurück zum ursprünglichen Gedanken, da macht besagte Tageszeitung, die sich allzu gern als Volkes Stimme (naja, zumindest nicht als Volkes Hirn) geriert, natürlich keine halbe Sachen, erhebt zur Feier des Titelgewinns die Titelseite zur Titel-Seite und räumt unseren Jungs einen gebührenden Platz ein, zwischen „Mein Sohn ist ein Kindermörder“ und dem „Schnapp des Tages“ beim Elektromarkt, der nicht blöd ist. Heute also anlässlich unserer fußballerischen Erfolgsserie steht dort in strahlend weißen Lettern „Jetzt sind wir (fast) alles“.

Und sehen Sie, genau das ist das Problem unserer Zeit – wenn’s klappt, dann waren’s alle.

Geht aber mal was schief, dann will’s keiner gewesen sein.

Und wenn’s keiner gewesen sein will, dann hat jeder von den allen, die’s nicht waren, eine eigene, qualifizierte Meinung darüber, warum das ja gar nichts werden konnte. Gejubelt wird einstimmig – wenn was klappt, dann hätten’s alle so gemacht. Das Lamento beim Scheitern dagegen ertönt in Vielklang und Kakophonie, denn es gibt unüberschaubar viele Versionen von „wie man’s stattdessen besser hätte machen sollen“, und glücklicherweise wird sich keine davon jemals dem harten Test der Realität unterziehen lassen müssen, denn es ist ja bereits vorbei, und hinterher sind alle immer schlauer.

Was sind wir nicht alles schon gewesen?! Wir waren Papst – zumindest in der Anfangsphase, so lange, bis uns schließlich aufging, dass Papst sein doch gar nicht so schick ist, weil man dann ja auch mit allerhand ganz und gar nicht mehrheitsfähigen Auffassungen zu Leben, Liebe und Laster assoziiert wird. Also hingen wir die Soutane ganz zackig wieder an den Nagel und droschen aus allen Gesinnungsrichtungen auf den Papst ein, der wir noch kurz zuvor alle selbst waren.

Wir waren Wimbledonsieger! Nicht gerade ein hübscher, nicht wirklich ausgesprochen eloquent, im Gegenteil gleichsam verbal entstellt durch einen der schlimmsten Dialekte, die die deutsche Sprache zu bieten hat. Aber wir waren der jüngste Wimbledonsieger aller Zeiten, und wir fühlten uns toll dabei! Als der Bumm-Bumm-Bub dann irgendwann allerdings eher mit finanziellen Wackelpartien von sich reden machte und er sein Spielfeld vom Centre Court in Richtung Schlafgemach und Besenkammer verlegte, da war recht schnell klar, dass ihm dorthin keiner folgen wollte, und flugs ging man von „Wir sind …“ auf Sicherheitsabstand zu „Der ist …“

Wir waren auch mal ein einig Vaterland, als man uns blühende Vaterlandschaften in Aussicht stellte. Im Überschwang der Verbrüderung war der neue Teil vom „Wir“ erstmal mit Glanz und Gloria auf der alten Seite des „Wir“ willkommen geheißen worden. Als dann aber nicht wenige vom alten „Wir“ allmählich das Gefühl beschlich, das Begrüßungsgeld für die vom neuen „Wir“ würde förmlich direkt aus dem eigenen Portemonnaie abgezwackt, kehrte man doch lieber wieder zurück zum bewährten Zweiklang „Wir“ und „Die“.

„Wir sind (fast) alles“, so steht’s heut in der Zeitung, überschwänglich jovial im Taumel ob des Sieges, den wir (!) errungen haben. Und das geht genau so lange, bis die (!) mal nicht mehr gewinnen. Wir stehen alle mit dem Gesicht zur Sonne, aber wenn’s anfängt zu regnen, dann streiten wir uns um die Schirme und über die Deutungshoheit, warum es zu regnen angefangen hat.

Und weil das so ist, mag ich gar nicht alles sein, mit den Anderen vom „Wir“. Auch nicht fast alles, wie es die Bild-Zeitung dankenswerterweise in einem ungewohnten Anflug von Realitätssinn einschränkt. Denn wenn statt alles eines Tages mal wieder nichts ist, dann steht man ja doch wieder alleine da.

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