Geldmeisterschaft, oder: Die Welt hat Fußball

Die Welt hat Fußball. Die Symptome sind allerorten zu sehen und zu hören. Landauf, landab sind Balkone und Fassaden, Autos und Menschen schwarz-rot-golden verziert. Bars und Kneipen überbieten einander mit Bildschirmen und Leinwänden, und in den Schlangen an den Supermarktkassen wird sich unablässig und unüberhörbar über Schwalben, Schiris und verpasste Chancen unterhalten, als gäbe es auf der Welt nichts Wichtigeres. Für viele Menschen, die diese Gespräche führen, ist das vermutlich wirklich so. Die Zugschaffner sagen die Resultate über Lautsprecher durch, gerade so, als würden nicht 90% aller Bahnreisenden ohnehin permanent auf ihr Handy und/oder Laptop starren, und hätten nicht somit Mittel und Wege, sich eigenverantwortlich über die Spielstände auf dem Laufenden zu halten – sich und nur sich, wenn sie sich denn dafür interessieren. Vom Putz- bis zum Lebensmittel locken flächendeckend WM-Aktions-Editionen und Sonderauflagen – wiederum in den deutschen Nationalfarben oder auch gern mit den fußballtypischen schwarz-weißen Fünf- und Sechsecken. Obwohl selbst ich als absoluter Laie weiß, dass die offiziellen Turnier-Bälle schon seit Jahr und Tag gar nicht mehr so aussehen.

Die Welt hat Fußball. Er grassiert und ist höchst ansteckend. Für diejenigen, die gegen ihn immun sind, ist es derweil oft höchst befremdlich und bisweilen regelrecht erschreckend, so wie neulich, als hinter mir in der Bahn einer, hinein in die völlige Ruhe, plötzlich „Neeeeeein!“ schrie, weil (wie er sogleich mit unverminderter Lautstärke noch erläuterte) ein gewisser Messi einen Elfmeter verschossen hatte. Offenbar war der Rufer einer von denen, die sich eigenverantwortlich, ganz ohne Schaffner, über die Spielstände informiert halten, s.o. Ich hätte große Lust gehabt, mich hinter ihn zu setzen, eine Zeit zu warten und dann mindestens genauso laut loszubrüllen „Neeeeeein! In China ist ein Sack Reis umgefallen!“ Oder „Neeeeeein! Beim Edeka ist diese Woche Rindfleisch im Angebot!“ Oder „Neeeeeein! Donald Trump trägt rosa Schlüpfer. Auf dem Kopf. Heimlich.“ Oder „Neeeeeein! Donald Trump trägt Rindfleisch. Um die Hüften. Unheimlich.“ Ich schweife ab.

Die Welt hat Fußball. Und er ist nicht heilbar, denn selbst die unappetitlichsten Fakten rund um das Spektakel halten einen ernsthaft Infizierten nicht davon ab, den Zinnober vier Wochen lang mitzumachen und währenddessen alles in den Wind zu schlagen, was an Bedenklichem offensichtlich ist.

Mich zum Beispiel verstört der Umstand, dass die Bandenwerbung neuerdings teils aus richtiggehend kleinen Animationsfilmchen besteht. Natürlich sollen diese die Aufmerksamkeit der Milliarden Fernsehzuschauer anziehen – nur, sollten das nicht eigentlich vormals die Akteure auf dem Feld? Ich empöre mich darüber und frage mich, ob die Spieler sich nicht geschlossen dagegen erheben sollten, dass sie nurmehr bloß noch als Staffage für die Werbung rings ums Feld herhalten sollen. (Kommt noch so weit, dass bald einer ruft „Mensch, Hummels, geh doch mal ausm Bild, auf der Bande hinter dir läuft grad das Filmchen von meinem neuen Auto!“) Doch da fällt mir ein, dass es neben der Fifa und den allerhand Sponsoren ja noch eine weitere Gruppe Mitwirkende gibt, die sich bei der Fußball-Geldmeisterschaft weidlich die Taschen vollstopfen: genau, die Spieler. Also spielen sie artig mit und rennen als Alibi fleißig durchs Bild, damit man weiterhin den Eindruck hat, es ginge bei der Veranstaltung um den Sport.

Laut wikipedia investiert allein der russische Staat in die Vorbereitung und Ausführung der WM die unfassbare Summe von 683 Milliarden Rubel, umgerechnet und großzügig abgerundet etwa 9,3 Milliarden Euro. Nicht in der Rechnung enthalten sind die Honorare für Schlägertrupps zur Einschüchterung und Vertreibung missliebiger Journalisten, Regimekritiker und im Gastgeberland traditionell geächteter Minderheiten sowie Bestechungs- und Schweigegelder, die ja streng genommen auch der Budgetposition „Vorbereitung und Ausführung“ hinzuzuaddieren wären.

Die Welt hat Fußball. Er ist nicht heilbar und macht vor keiner Rasse, Klasse, Kaste oder Kommune halt. Und noch nicht mal für 9,3 Milliarden Euro ließe sich ein Impfstoff oder ein Gegenmittel entwickeln. Man hat’s sogar schon mit der Wahrheit versucht – und noch nicht mal die hat geholfen.

Epilog: Dieser Text wurde von der harten Realität eingeholt – das deutsche Team ist zum ersten Mal in der Geschichte bereits in einer WM-Gruppenphase ausgeschieden. In China sind in den vergangenen 24 Stunden sieben Reissäcke umgefallen, die Dunkelziffer ist vermutlich noch weit höher. Und Donald Trump wurde letzte Nacht wieder auf den Gängen des Weißen Hauses gesichtet, in der Hand einen Burger. Was er anhatte, ist nicht bekannt.

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