Notiz von unterwegs: Bei mir piept’s wohl

Der Berliner Bahnhof Südkreuz hat vor einiger Zeit zweifelhafte Berühmtheit erlangt, weil er als Schauplatz eines Pilotprojekts zur massenhaften Gesichtserkennung gleichermaßen in den Fokus von Heimat- wie Datenschützern gerückt ist. Ex-Innenminister De Maizière war ganz hin und weg von dem Projekt, und seitdem er nur noch weg ist, dürfte sein Nachfolger Hotte Seehofer (dem ich in diesem Gedicht gesondert huldige) nicht minder begeistert davon sein. Es ist aber, und das wird oft unterschlagen, auch ein Projekt, das den teilnehmenden Testpersonen zugute kommt – oftgetrackte Personen erhalten einen Amazon-Gutschein über EUR 25, die drei Meistgetrackten bekommen diverse HighTech-Gadgets. Könnte man jetzt einen eigenen Artikel schreiben über die Verflechtungen von Politik und Wirtschaft. Will ich aber nicht.

Könnte man auch einen Artikel schreiben über Pro und Contra besagter Gesichtserkennung und die Sinnhaftigkeit staatlich veranlasster Eingriffe in individuelle Persönlichkeitsrechte. Will ich aber auch nicht.

Stattdessen will ich darauf hinweisen, dass die Zeit von 7:42 Uhr bis 9:35 Uhr verdammt lang ist. Und gefühlt noch viel länger. Das sind 113 Minuten, die vergehen von „Jetzt wäre mein Zug eigentlich losgefahren“ bis „Jetzt fährt mein Ersatzzug“. Und weil man am Südkreuz dem Fahrgast nicht nur per Überwachung auf die Pelle rückt, sondern sich auch sonst in maximaler Kundennähe übt, ist die Bahnhofshalle mit zwei gigantischen Palmen verziert. Das schiebt natürlich mächtig Eindruck und lässt einen als frustrierter Bahnkunde fast vergessen, dass man 113 Minuten auf seinen Ersatzzug zu warten hat.

Und weil man eine Palme, selbst eine gigantische, auch mal übersehen kann, wird dem Wohlfühl-Warte-Szenario noch etwas Akustisches beigemengt – es zwitschern unentwegt allerhand Vögel aus der Konserve, die den verstörten, weil von der Bahn versetzten, Reisenden auch noch den letzten Restfrust vergessen lassen sollen. Die Lautsprecher sind diskret und raffiniert verteilt, so dass sich ein faszinierendes Klangbild einstellt – mal ertönt ein Tschilpen von ganz weit weg, mal hat man den Eindruck, ein Piepmatz säße einem förmlich auf der Schulter.

Die Wahrheit ist, dass sich die Endlos-Gezwitscherschleife nach spätestens zehn Minuten (ergo nach gerade mal rund einem Elftel meiner Gesamtwartezeit) bloß noch aufdringlich anfühlt. Damit macht man’s im Übrigen dem Big Brother aus der Abteilung Gesichtserkennung auch nicht gerade leichter, weil dem beschallten, aber dadurch nicht besänftigten, Fahrgast bei dem unsäglichen Gepiepse allmählich die Gesichtszüge entgleisen. Das geht so weit, dass man sich freiwillig in den akustischen Unterschlupf eines der Schnellrestaurants ringsum flüchtet.

Und das mache ich jetzt auch. Schönen Tag allerseits!

P.S.: Und wenn Sie heute einen Vogel sehen, in natura, ob mit Sound oder ohne, freuen Sie sich bitte ganz besonders über ihn, denn er erinnert Sie gleich an zweierlei Erfreuliches: 1. Die Original-Natur ist nicht zu übertreffen. Und 2. Sie hocken nicht blöd am Südkreuz rum und warten auf Ihren Zug.

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